Bildungswochenende (BIWO)
Dieses Jahr fand das Bildungswochenende (BIWO), organisiert durch die SVEHK und den SGB-FSS, vom 13. bis 15. Juni 2025 in Näfels (GL) statt.
Bei herrlichem Sommerwetter trafen sich rund 65 Personen zum Wochenende in der Lintharena im schönen Glarnerland. Während die Kinder Spass hatten im Kinderprogramm, besuchten die Eltern Kurse zum Thema «Identitätsfindung – der Weg zur starken Persönlichkeit».

Während die Kinder sich beim Bouldern oder beim Spielen draussen auf dem Spielplatz und der grossen Wiese vergnügten, schilderten Stella Zurkirchen und Laura Setz eindrücklich ihre persönlichen Erfahrungen in der Welt der Hörenden und Gehörlosen sowie ihre Selbstfindung. Sie konnten so wertvolle Impulse an die anwesenden Eltern weitergeben. Ruedi Graf stellte den SGB-FSS vor und erwähnte die Wichtigkeit der Bilingualität, der Lautsprache und Gebärdensprache von klein auf.
«Die Welt der Gehörlosen und Hörenden»
Stella Zurkirchen wuchs als CODA bilingual auf mit Gebärdensprache als Erstsprache und Lautsprache vor allem im Schulbereich. Früh musste sie Verantwortung übernehmen, die Rolle der Vermittlerin einnehmen und zwischen ihren Eltern und diversen Stellen vermitteln, Telefonate führen quasi im Auftrag der Eltern. Sie fühlt sich ganz stark hingezogen zur Gehörlosenkultur und erwähnt eindrücklich die Gemeinschaft und die vielen Treffen, die sie als Kind zusammen mit gehörlosen Familien erlebte.
Die Lautsprache lernte sie vor allem bei ihren Grosseltern, die hörend sind. Die Umgebung unter Hörenden empfand sie damals als sehr laut. Der Einstieg in den Schulbereich gestaltete sich anspruchsvoll. Ihre Sprache im Kindergarten war primär die Gebärdensprache. Dank einer verständnisvollen Kindergärtnerin und Logopädie-Stunden lernte sie allmählich die Lautsprache und die Kultur der Hörenden kennen. Die Gebärdensprache ist grammatikalisch anders aufgebaut als die Lautsprache. Das Verfassen von Briefen ist dadurch schwieriger für gehörlose Menschen und so unterstützte sie später auch im schriftlichen Bereich ihre Eltern, beispielsweise mit Schreiben an Behörden. Stella Zurkirchen erwähnt auch die Pfadi, die für sie ein wichtiges Hobby war in der hörenden Welt und ganz ohne Leistungsdruck. Als «das Mädchen der gehörlosen Eltern» hatte sie viele spannende Begegnungen, gerade Erwachsene interessierten sich sehr stark für ihre Geschichte.
Heute ist sie Primarlehrerin und sieht sich als starke Vermittlerin zwischen den beiden Kulturen. Auch der Austausch zwischen CODA’s sei sehr wichtig. Die Vielfalt ist für sie normal und auch der Perspektivenwechsel, das Anderssein empfindet sie als eine Superkraft.
«Mein Weg zur Selbstfindung»
Laura Setz wuchs in der hörenden Welt auf. Sie trug Hörhilfen, besuchte bis zur 3. Klasse die Regelschule und war als aufgestelltes und aktives Mädchen gut im Dorf integriert. Auch wenn sie gesprochene Sprache akustisch nur schwer verstehen konnte, entwickelte sie eigene Kommunikationsstrategien. Oft erzählte sie lieber selbst, denn das war für sie einfacher, als zuzuhören oder von den Lippen abzusehen.
Später wechselte sie an den Landenhof und besuchte das Gymnasium BBZ Stegen in Deutschland. Ihre Eltern unterstützten sie stets, wofür sie sehr dankbar ist. Der Sport spielt in ihrem Leben eine zentrale Rolle, und so konnte sie an internationalen Wettkämpfen für Gehörlose wie Europa- und Weltmeisterschaften teilnehmen. Ihr Wunsch war es, Sportlehrerin zu werden.
Nach einem Hörsturz verlor sie ihr Restgehör und vertiefte daraufhin ihre bereits vorhandenen Kenntnisse in der Gebärdensprache. Dadurch kam sie in Kontakt mit der Gehörlosengemeinschaft und fand dort ihre Identität. Sie entschied sich für eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und ist die erste gehörlose Person in der Schweiz, die dieses Studium abgeschlossen hat. Heute übt sie diesen Beruf mit grossem Engagement und in einem engagierten Team aus. Für barrierefreie Kommunikation am Arbeitsplatz setzt sie sich aktiv ein.
Der Weg dorthin war für Laura Setz mit zahlreichen Herausforderungen und Rückschlägen verbunden. Sie setzte sich kontinuierlich mit diesen auseinander und bewältigte sie Schritt für Schritt. Heute kennt sie ihre persönlichen Grenzen und zeigt dabei Resilienz.
«Produkte zur Förderung der Bilingualität»
Ruedi Graf, Co-Geschäftsleiter beim SGB-FSS, stellt den Schweizerischen Gehörlosenbund vor, wofür er sich einsetzt und was seine Anliegen sind: Im nächsten Jahr feiert der SGB-FSS sein 80-jähriges Jubiläum. Die Zusammenarbeit mit der SVEHK und innerhalb der Verbände im Bereich Hörbehinderung hat sich in den letzten Jahren stark verbessert und ist wichtig. Nur gemeinsam können wir uns einsetzen für die Bedürfnisse von Betroffenen und für mehr Chancengleichheit. Die Rahmenbedingungen für gehörlose Menschen müssen besser werden. Die Gebärdensprache soll als eigene Sprache anerkannt werden. Dafür setzen wir uns ein. Hilfsmittel sollen genutzt werden, aber sie dürfen einen Menschen nicht verändern. Die Familie ist das Zentrum für das Kind und gibt ihm ein Zuhause, dabei steht der Mensch im Mittelpunkt. Die Kommunikation innerhalb der Familie ist zentral. Dank der Bilingualität, also der Nutzung der Gebärdensprache und der Lautsprache, lernt das Kind beide Sprachen. Dies ist wichtig für seine Identitätsfindung. Die Gebärdensprache kann dem Kind spielerisch beigebracht werden mit Kinderbüchern in Gebärdensprache. Der SGB-FSS hat zahlreiche Produkte zur Förderung der Bilingualität.
Text: Yvonne Widmer
Fotos: Nora Meury (SGB-FSS) und Diverse
Informationen zum BIWO 2025:
Informationen
Impressionen vom Bildungswochenende (BIWO)



































